Als Kunde bestraft und bespitzelt PDF Drucken E-Mail
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Dienstag, den 23. Februar 2010 um 14:38 Uhr
altDie digitale Speicherung von Medien, egal ob Musik, Filme oder Software sorgt bei denen, die damit Geld verdienen wollen, für schlaflose Nächte. Denn alles, was in digitaler Form vorliegt, lässt sich ohne Qualitätsverlust vervielfältigen und weitergeben. Dies ist im gewissen Maße sehr praktisch, in einigen Fällen aber illegal. Die Antwort der Unterhaltungsindustrie ist eine Art Über-Kriminalisierung von solchen Aktionen und eine drastische Wortwahl für diese Vorgänge (Raubkopie, Piraterie, etc.). Auch Aktionen, die dem entgegensteuern wollen arbeiten hier mit dramatischen und irreführenden Slogans wie "Raubkopierer sind Verbrecher".

Dabei war es die Musikindustrie, die den Trend verpasst hat, rechtzeitig auf den MP3 Downloadzug aufzuspringen. Jetzt, wo legale Downloadportale vielzählig vorhanden sind, da steigen auch die Umsätze wieder und auch die Filmindustrie durchläuft aktuell eine Phase, die vergleichbar ist.

Lediglich die Softwarebranche, allen voran die Spieleindustrie, versucht nach wie vor den Kampf gegen die illegalen Kopien durch immer schärfere Restriktionen zu gewinnen. Dabei ist es doch immer nur ein Hinterherlaufen. Denn sobald ein neuer Kopierschutz entwickelt wurde, dauert es nur wenige Tage oder gar Stunden und er ist ausgehebelt. Also müssen neuere Techniken her, die dann wiederum neutralisiert werden und so dreht sich das Karussell immer weiter.

Der Einzige, der durch die immer ausgeklügelteren Kopierschutztechniken in Mitleidenschaft gezogen wird, ist der ehrliche Käufer. Waren frühere Varianten in Form von Code-Rädern (z.B. Monkey Island) oder Handbuchabfragen (Silent Hunter) zwar lästig, aber oft auch lustig, stiegen die Spielhürden mit dem Aufkommen der CD immer weiter. Neben dem Zwang, den Originaldatenträger im Laufwerk zu haben, kam später die Eingabe eines Aktivierungscodes hinzu, der etwa ab 2006 auch online abgeprüft wurde. Dafür war dann zwingend einen Internetzugang notwendig, selbst wenn das Spiel komplett offline zu spielen war. Das war alles ziemlich lästig, aber war das Spiel einmal lauffähig, so konnte man es ohne Probleme spielen, auch offline.

Doch was die Spieleindustrie aktuell zu etablieren versucht, ist schlicht und ergreifend die vollständige Entmündigung des Kunden. Nicht nur dass, wie mittlerweile üblich, das Spiel an ein Benutzerkonto bei der Onlineplattform Steam oder dem Microsoft Dienst "Windows Live" gebunden werden muss (Verleih oder Verkauf unmöglich), nein, man kann auch nur dann vernünftig spielen, wenn man mit bestimmten Diensten verbunden ist. Aktuelles Beispiel hierfür ist "Assasins Creed 2". Obwohl hier der Schwerpunkt eindeutig auf dem Solospiel liegt und eigentlich eine Internetverbindung nicht notwendig ist, wird der Kunde dazu gezwungen, zum Spielen online zu sein. Das heißt im Umkehrschluß auch: Ist die Internetverbindung gestört, dann kann man nicht spielen. Der in Frankreich angesiedelte Vertrieb UBI Soft, unter anderem demnächst auch mit Siedler VII am Start, hält die Gängelung der Spieler in völliger Ignoranz der Erfahrungen aus dem Musik- und Filmgeschäft trotzdem für angemessen.

Zu den Einschränkungen beim Spielerlebnis gesellen die Daten, die man bei der Anlage eines solchen Kontos hinterlegen muss sowie die Daten, die bei jedem Start des Spiels eifrig den Servern dieser Plattformen und auch dem Spielehersteller mitgeteilt werden. Häufig ist es gar nicht bis ins Detail bekannt, was so ein Spiel an seinen Erschaffer weitergibt.

Natürlich werden solche Systeme als Service angepriesen, statt klar auszusprechen, dass man kein vernünftiges Konzept hat, um die Kunden bei der Stange zu halten. Selbstverständlichkeiten früherer Jahre, wie beliebig viele Installationen auf verschiedenen Rechnern, kein Zwang, das Originalmedium zu verwenden, keine Internetverbindung notwendig zum Spielen werden nun als Innovationen ausgelobt, die nur aufgrund des neuen Kopierschutzes möglich seien. Mag sein, dass man damit jüngere Spieler foppen kann, wer jedoch auch die frühen Jahre mitgemacht hat, weiß, dass es seitdem in Punkto Kopierschutz nur schlimmer und umbequemer geworden ist, ein legal erworbenes Spiel zu installieren und zu spielen.

Da schielt der ehrliche Käufer doch neidisch rüber zu den Leuten, die sich das Spiel frisch geknackt aus einer Tauschbörse ziehen und ohne irgendwelche Einschränkungen sofort losspielen können. Klar funktioniert ein Mehrspielerpart in einer illegalen Kopie nicht oder nur eingeschränkt. Klar, dass nette Gimmicks wie "Errungenschaften" oder "Onlinehighscores" nicht nutzbar sind. Aber gerade bei Spielen, die primär einen Solospielpart anbieten kann man auf solche Dinge verzichten. Im Gegenteil, es wird sogar noch einfacher, da die ganze Installations- und Registrierungsgängelei wegfällt.

Was hat der ehrliche Käufer denn sonst noch für Mehrwerte von so einem Spiel? Schauen wir mal: Eine Plastikhülle mit dem Datenträger, ein paar Seiten, die großtrabend als Handbuch bezeichnet werden, viel Werbung und sonst nichts. Wer mehr will, muss noch tiefer in die Tasche greifen um spezielle Editionen zu erstehen. Achja, das alles nur, sofern man die Datenträgerversion kauft. Wer gleich eine Downloadvariante erwirbt, hat auch nicht mehr oder weniger als bei einem illegalen Download und das meist zum Preis der normalen Ladenversion.

Hallo, Spieleindustrie? Kommt euch das jetzt nicht selber irgendwie komisch vor?

Habt ihr mal darüber nachgedacht den Wert eurer Arbeit verständlich zu kommunizieren? Es ist nun mal so, dass kaum jemand sieht, was für ein Aufwand hinter einem Spiel steckt. Dass nur wenige verstehen, dass es zum Teil Millionen Euro kostet, ein Spiel zu entwickeln und dass viele Menschen damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Außerdem ist, wie oben beschrieben, der Mehrwert, den der ehrliche Käufer für sein Geld bekommt, in den letzten Jahren immer weniger geworden. War es früher noch ein Erlebnis eine Spielepackung zu öffnen und sich über zusätzliche Inhalte wie gedruckte Karten oder Ähnliches zu freuen, bekommt man als Standard nur noch den Datenträger und fertig. Das gilt auch für die Spieldauer. Wenn man nur ein paar Jahre zurück blickt, so war die durchschnittliche Spieldauer zwanzig Stunden und mehr. Heute ist bei vielen Vollpreisspielen schon nach fünf Stunden der Abspann zu sehen. Aufgrund der aufwändigen Inszenierung steckt in den fünf Stunden vielleicht ebenso viel Arbeit wie in den 25 Stunden früherer Spiele, das aber bekommt der Ottonormalspieler nicht mit. Er sieht nur das Endergebnis.

Das heißt, hier muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Es muss gezeigt werden, wieviel Arbeit hinter einem Spiel steht. Für die meisten Spieler ist die Entwicklung eines Spieles keine Arbeit. "Hey, die sind den ganzen Tag am zocken und wollen auch noch Geld dafür...." dürfte bei vielen Spielern die einhellige Meinung sein. Vor diesem Hintergrund viel Geld für ein Spiel mit kurzer Spieldauer und wenigen Beigaben auszugeben fällt vielen Spielen sicherlich schwer.

Zudem wird die Verlustrechnung durch illegale Kopien immer in der Annahme gemacht, dass jeder, der sich ein Spiel illegal besorgt, dieses auch gekauft hätte. Falsch! Denn viele sehen in einer illegalen Kopie erst mal die Möglichkeit einer erweiterten Demo bzw. der einzigen Anspielmöglichkeit. Häufig wird das Spiel nur angespielt und wieder deinstalliert. Nur selten wird so ein illegal erworbenes Spiel auch im vollen Umfang genutzt. Deswegen behaupte ich, dass die Verluste weit weniger hoch sind, als immer behauptet. Trotzdem, es gibt sie und ich will hier auch nichts schönreden.

Nur der Weg, der hier eingeschlagen wird, ist falsch! Liebe Spieleindustrie: Behandelt die Leute, die Geld für eure Produkte ausgeben auch entsprechend zuvorkommend. Statt Geld in immer neue und wirkungslose Kopierschutzmaßnahmen zu stecken, investiert lieber in eine vernünftige Marktforschung und Aufklärungsarbeit. Zeigt in Videos, Veranstaltungen und Messen doch einfach mal, wie lang ein Modeller an einem 3D-Objekt sitzt und wieviele solcher Objekte für ein Spiel erstellt werden müssen. Zeigt, wie aufwändig Tests sind und rechnet ruhig vor, wie teuer das alles ist. Und seid auch ehrlich, wenn ihr Maßnahmen einführt, die den illegalen Kopien einhalt gebieten sollen. Das versteht ein Spieler eher, als irgendwelche dubiosen Dienste, die das Spielerlebnis nachhaltig versauen und zu Recht großes Misstrauen beim Spieler aufkommen lassen.

Wir zahlen euch eure Brötchen! Also seit nett zu uns und bietet uns Mehrwerte statt Einschränkungen.

Links zum Thema:
News zum Kopierschutz von Assassin's Creed 2 auf Gamestar.de
 
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