Expertenkreis Amok: Suchen und Versuchen PDF Drucken E-Mail
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Mittwoch, 14. Oktober 2009 um 10:04 Uhr
altNach dem schrecklichen Amoklaufs eines 17-jährigen in Winnenden und Wendlingen haben sich inzwischen die Pressewogen geglättet. Kurz nach der Tat vom 11. März 2009 wurde am 31. März 2009 ein sog. Expertenkreis einberufen, um nach Erklärungen und Ursachen zu suchen und Lösungsansätze und Empfehlungen für die Eindämmung von Amoktaten zu finden.

Dieser Expertenkreis bestand aus ständigen Mitgliedern aus den Bereichen Forschung, Bildung, Politik und Vertreter der Opfer des Amokläufers. Ferner wurden Berater und Anhörungsexperten hinzugezogen. Unter den Anhörungsexperten befanden sich auch Vertreter der Jagd- und Sportschützenverbände, sowie aus dem Bereich der Selbstkontrolleinrichtungen der Unterhaltungsindustrie.

Das Ergebnis des Expertenkreises, welches im Oktober 2009 vorgelegt wurde, ist ein 85 Seiten umfassender Bericht.

Es gibt nicht den Grund

Jeder der in diesem Bericht eine Schuldfeststellung sucht, wird nichts finden. Vielmehr überascht der Bericht mit einer sachlichen Aufarbeitung- und Analyse der Tat, aber auch der Vorgeschichte. Zudem gibt es Vergleiche mit anderen Amoktaten, um so Gemeinsamkeiten der Täter herauszustellen.

Im ersten Teil des Berichtes wird sehr intensiv auf die vielfältigen Faktoren eingegangen, die einen Menschen zu einem Täter werden lassen können. Diese werden mit gut nachvollziehbaren Beispielen ergänzt. Eines dieser Merkmale ist das starke Interesse an Gewaltmedien, unter anderem auch in Form von Filmen und Computerspielen. Aber auch Berichte über Amokläufe und realer Gewalt, wie sie zu Hauf im Internet zu finden sind, gehören dazu.

Zudem erfolgt eine Aufarbeitung der Reaktionen von Lehr-, Einsatz- und Rettungskräften während und nach der Tat und auch die Rolle der Presse wird beleuchtet.

Im zweiten Teil werden die analysierten Punkte einzeln beleuchtet und es werden Empfehlungen ausgesprochen, was aus Sicht des Expertenkreises zu verbessern bzw. zu ändern ist, um die Gefahr von weiteren Amoktaten zu reduzieren. Das sich eine solche Tat nie wirklich zu hundert Prozent verhindern lassen wird, erwähnt der Bericht an mehreren Stellen.

Grundsätzlich ist anzuraten, dass eine Betrachtung einzelner Punkte ein falsches Bild auf den Expertenkreis wirft. Die einzelnen Punkte aus dem Gesamtkontext herausgelöst zu betrachten birgt die Gefahr, dass die geleistete Arbeit falsch bewertet wird. Deswegen lautet ein Tipp, sich einfach mal den Bericht durchzulesen.

Empfehlungen nur der Empfehlung wegen?

Der Kreis hatte eine unglaubliche Menge an Daten zu verarbeiten und hat versucht, umfassend alles zu bewerten. Leider scheint diese Bewertung im Bereich der neuen Medien und des Jugendmedienschutzes zu oberflächlich stattgefunden zu haben. So werden gewalthaltige Computerspiele immer wieder im Zusammenhang mit realen Waffen und als Zielhilfe genannt. Dies zeigt, dass wohl niemand von diesen Experten jemals ein Computerspiel, allen voran Egoshooter, gespielt hat. Denn niemand, der reine Schießerfahrungen am Computer sammelt, wäre tatsächlich in der Lage eine reale Waffe zielgerichtet abzufeuern.

Hinzu kommen die Empfehlungen im Umgang mit Computerspielen in Bezug auf den Jugendmedienschutz. Zwar wird darauf hingewiesen, dass eine deutsche Rechtsprechung in Zeiten des Internets und globaler Vertriebswege keinen Einfluss auf die Herstellung gewalthaltiger Computerspiele hat, trotzdem werden die Empfehlungen aus den bereits vorhandenen Schubladen gezogen und die üblichen Forderungen mit eingearbeitet. So wird mehr Einfluss der BpJM bei der Alterkennzeichnung gefordert, eine Ausweitung der Verbotskriterien für eine Anwendung von §131 StGB, aber auch eine stärkere Überwachung dieser Regelungen wird empfohlen. Allerdings gibt es auch positive Aspekte. So wird mehrfach auf die Verantwortung und die Rolle der Eltern verwiesen. Dies findet sich auch in einer eigenen Empfehlung wieder.

Hinzu kommt, dass die aktuelle Situation nicht mehr nur auf Deutschland allein beschränkt gesehen wird, bzw. eine nationale Lösung als nicht wirksam erkannt wird. So soll versucht werden, hier eine internationale, zumindest europäische Lösung anzustreben. Das Ganze aber nicht nur auf Computerspiele bezogen, sondern auch auf alle neuen Medien.

Negativ sticht nur noch die Forderung nach Filterung von "unakzeptablen Inhalten"hervor. Zwar werden in diesem Zusammenhang Exekutionsvideos erwähnt, doch alleine der Begriff ist dehnbar und eine Zensur mittels Filterung läßt sich nunmal einfach umgehen und verpufft wirkungslos.

Letztlich wirken die Empfehlungen, die sich mit den neuen Medien, allen voran Computer- und Videospielen, beschäftigen sehr hilflos. Man hat hier, im Vergleich mit den anderen Bereichen des Berichtes, den Eindruck, dass der größte Teil der Empfehlungen eingepflegt wurde, nur um auch zu diesem Thema etwas aufzuführen. Letztlich sind die Punkte, die sich mit Verbot, Gesetzesverschärfungen und Zensur beschäftigen, und diese empfehlen für die gefährdete Zielgruppe, die ja durch diese Empfehlungen an einer möglichen Tat gehindert werden soll, nicht relevant. Denn lt. den eigenen Ausführungen des Expertenkreises suchen gefährdete Jugendliche gezielt nach Gewalt in jeglicher Form. Das hier jemand in der vernetzten Welt diese auch findet, selbst wenn hierzu einfache Sperren zu umgehen sind, ist dem Kreis wohl bewusst und trotzdem werden diese Maßnahmen empfohlen. Hier zeigt sich die Hilflosigkeit einer Generation vor den Medien und Möglichkeiten der Nachfolgegeneration.

Dieser Abschnitt trübt ein wenig den ansonsten gut gemachten Bericht aus meiner Sicht. Sicherlich werden Vertreter der Schützenverbände und der Presse das für "Ihre" Abschnitte ähnlich sehen. Doch vergessen wir nicht, dass die Opfer nicht mit einer Tastatur verprügelt wurden sondern mit einer realen Waffe und dass das herorisieren der Täter durch die Sensationspresse erfolgte. Wer den Analyseteil aufmerksam liest, wird zudem feststellen, dass Gewaltmedien erst an einem Punkt einsteigen, an dem ein gefährdeter Jugendlicher bereits die ersten Phasen durchlaufen hat und ab diesem Zeitpunkt es eigentlich egal ist, welche Form von Gewalt konsumiert wird. Von daher ist es ab diesem Punkt viel wichtiger, dass der Zugriff auf echte Waffen so gut wie möglich verhindert wird. Auch sollte hier inzwischen das Umfeld, allen voran die Eltern, mitbekommen haben, dass hier jemand Hilfe braucht.

Mein Fazit

Der Bericht des Expertenkreises entmystifiziert meiner Meinung nach das Gefahrenpotential von Computerspielen, welches in den letzten Jahren von einigen Politikern und Wissenschaftlern aufgebaut wurde. Gewalthaltige Computerspiele rutschen in diesem Bericht auf die Stufe einer, der Tatentwicklung durchaus unterstützenden, Begleiterscheinung, aber mehr auch nicht. Entsprechend ist an dieser Stelle durchaus festzustellen, dass die sog. "Killerspieldebatte", die ausschließlich auf Basis von Amokläufen entstanden ist, sich durch diesen Bericht als absolut nichtig herausgestellt hat.
Aktualisiert ( Donnerstag, 04. März 2010 um 09:30 Uhr )
 
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