Züchten wir Monster? PDF Drucken E-Mail
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Donnerstag, den 12. März 2009 um 10:18 Uhr
altErfurt, Emsdetten und Winnenden. Drei unterschiedliche Orte, aber ein gleiches Schicksal. In allen Orten geschah etwas, was so niemand für möglich gehalten hatte. Drei i.d.R. als ruhig und unauffällig bekannte, junge Männer griffen zur Waffe und richteten diese gegen Schüler, Lehrer und Passanten, und hinterließen bei ihren Amokläufen eine grausame Spur der Vernichtung. Die Frage nach dem "Warum?" kann wohl nie eindeutig geklärt werden. Die Frage "Wieso dies in den letzten Jahren so zugenommen hat?", muß aber versucht werden zu klären.

Vorweg: Dies ist keine wissenschaftliche Betrachtung der Ursachen. Die Fragen, Möglichkeiten oder Erklärungsversuche basieren auf nichts anderem als dem Versuch eines besorgten Vaters, nach Gründen zu suchen und Paralellen zu seiner eigenen Jugend- und Schulzeit zu ziehen.

"Was für eine Welt ist das, in der wir leben?". Sehr häufig hört man diese Frage, oder stellt sie sich sogar selbst. Nachrichten sind voll von schrecklichen Bildern. Selbstmordattentäter hier, Raketenangriffe da und zwischendrin Morde, Unfälle und Naturkatastrophen. Gegen diese Schreckensnachrichten wirkt die Weltwirtschaftkrise wie eine Meldung aus dem Teletubbiland.

Solang wie Kriege, Selbstmordattentate und Amokläufe weit von uns weg stattfinden, kommt uns das alles sehr fremd und unwirklich vor. Ja, ich würde sogar fast behaupten, aufgrund der Masse an Meldungen stumpfen wir ab. "Ach, hat sich schon wieder einer in Bagdad in die Luft gesprengt ..." oder "Achne, nicht schon wieder ein Raketenangriff auf Israel, die marschieren jetzt bestimmt in alter Tradition wieder in den Gaza Streifen ...". Hand auf's Herz: Jeder hat bestimmt schon einmal beim Verfolgen der Nachrichten so, oder so ähnlich gedacht. Dass hinter diesen Nachrichtenmeldungen Schicksale von Menschen stehen, dass hier Eltern ihre Kinder, Kinder ihre Eltern und Menschen Verwandte und Freunde verlieren: Das rückt immer mehr in den Hintergrund. Man hört es, man hakt es ab und geht zum normalen Tagesablauf über. Doch dann passiert es direkt vor der eigenen Haustür:
Ein Haus stürzt ein und reißt Menschen in den Tod. In einem ehr verschlafenen Nest rastet jemand aus und läuft Amok.

Plötzlich kriegen für viele von uns, die Zahlen bei den Opfern Namen, die gezeigten Bilder rufen Erinnerungen wach "Das kenn ich, da war ich schonmal ...".  Und mit einem Mal wird einem bewusst, das jeder betroffen sein kann und man fängt an, Dinge mit anderen Augen zu sehen.
So ging es mir, nachdem ich die ersten Nachrichten vom Amoklauf in Winnenden gehört und gelesen habe. Winnenden? Wo liegt das denn? Als dann aber Stuttgart und der Kreis Esslingen genannt wurde, bin ich ziemlich bleich geworden. Denn dort kenne ich Menschen!

Je mehr Details ich über die Tat hörte, je mehr Informationen auch über den Täter bekannt wurden, desto mulmiger wurde mir zumute. Immer stärker rückten die Schicksale der betroffenen in den Mittelpunkt und eine Erkenntnis meißelte sich immer stärker in meinen Kopf ein: "Wenn es da passiert, kann es auch bei uns passieren....".
Natürlich kenne ich die Schulen meiner Kinder. Ich war bei diversen Angelegenheiten schon dort. Ich kenne die Wege zu den Klassenräumen und vieles andere mehr. Bei den Bildern aus Winnenden im Fernsehen, tauchten plötzlich Bilder in meinem Kopf auf, in denen ich die mir bekannten Schulgänge und Klassenzimmer sah. Und ich hatte Angst! Angst um meine Kinder!
Was ist das nur für eine Welt?

Kennen Sie noch den absoluten Aussenseiter (heute nennt man sie Mobbingopfer) aus Ihrer Schulzeit? In jeder Klasse gab es mindestens einen, der permanent ein Opfer war. Meistens wurde er mehrfach bestraft. Er hatte wenig Freunde, konnte so gut wie nie beim anderen Geschlecht landen und der größte Teil der Scherze wurde auf seine Kosten gemacht. Hinzu kam, dass er entweder zu den Besten in der Klasse gehörte (Streber) oder zu den Schlechtesten (totaler Verlierer, oder Looser wie man heute sagt).
Diese Gruppe gibt es heute immer noch. Nur sind die Möglichkeiten, diese als solche zu kennzeichnen deutlich umfangreicher und effektiver geworden. So lassen sich die Kränkungen und Beleidigungen wunderbar über die sogenannten "sozialen" Netze (z.B. StudiVZ) verbreiten und die Demütigungen, denen sie ausgesetzt werden, nimmt man mit dem Handy oder der Digitalkamera auf und präsentiert sie der Welt über Videoportale (z.B. Youtube.com).

Gab es zu meiner Zeit immer noch gewissen Rückzugsgebiete für solche Jugendlichen, verschwinden diese Rückzugsgebiete durch die technischen Möglichkeiten unserer Welt. Was bleibt, sind virtuelle Welten in denen man anonym untertauchen kann und in denen man der Held sein kann.
Doch anstatt gegen unsoziales Verhalten vorzugehen und dafür zu sorgen, dass es Auffangbereiche gibt, in denen so jemand Rückhalt und Menschen findet, die ihm zuhören und die Probleme ernst nimmt, bleiben diese Betroffenen allein mit ihren Problemen. Häufig fehlt ihnen auch jegliche andere Bezugsperson, wie z.B. Eltern.

Irgendwann ändert sich bei fast allen aus dieser an den Rand gedrängten Gruppe das Leben und sie fühlen sich wieder als Teil der Gesellschaft. Doch bei einigen wenigen ändert sich nichts! Oder sie wollen nicht das sich etwas ändert, denn die Scham und die Demütigungen sind in Hass umgeschlagen. Sie sondern sich ab und provozieren bewußt weitere Ächtungen der Gesellschaft, nur um sich bestätigt zu fühlen, dass sie immer noch der absolute Aussenseiter sind. Wenn dieses Stadium erreicht ist, dann kann niemand mehr helfen.

Ein Teil zieht sich komplett zurück in die virtuelle Welt. Vereinzelt bleiben aber welche in der realen Welt, die es allen einfach mal zeigen wollen. Einmal zeigen, was sie können. Einmal im Rampenlicht stehen! Da kommt dann unsere Medienlandschaft in den Fokus ihres Interesses. "Es muss etwas gemacht werden, das der Welt da draußen zeigt, dass ich keine Flasche bin, dass ich nicht nur der "Klassenarsch" bin". Gewalt zieht die Medien an und bereiten somit automatisch die gewünschte Bühne. Das Abschiedsvideo des Amokläufers von Emsdetten zeigt deutlich, das dies so von ihm geplant war.

Was hat das jetzt mit der Frage im Titel zu tun?
Nun, unsere tolle, globalisierte Welt sorgt dafür, dass Gruppen stärker gekennzeichnet werden können. War es früher nur der einfache "Schulpranger" an denen Kinder- und Jugendliche gestellt wurden, so ist es jetzt ein weltweiter Pranger. Hinzu kommt eine eiskalte Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft  vor dem Schicksal Anderer. Wir gucken weg, wollen nicht mit sowas belastet werden. Schließlich leben wir in einer Spaßgesellschaft. Zudem könnte man ja selber an den Pranger gestellt werden, wenn man versucht sich mit "so jemanden" einzulassen.
Auch die Politik konzentriert sich auf die einfachen und vor allem kostengünstigen Maßnahmen. So ist es billiger ein Gesetz für den Jugendschutz zu verschärfen und somit die Verantwortung auf andere abzuwälzen, als dafür zu sorgen  dass ausreichend Lehrer und psychologisch geschultes Personal an den Schulen vorhanden ist.

Verstehen sie mich bitte nicht falsch!
Ich bin völlig entsetzt mit dem was bei den Amokläufen passiert ist. Eine solche Tat ist durch nichts zu entschuldigen. Aber ich bin kein Mensch für Schwarz-Weiß-Denken. Es gibt nicht nur richtig und falsch und es gibt für mich nicht nur einen Täter, der für die Amokläufe verantwortlich ist.
Gewalt an Schulen hat es immer gegeben. Es gab immer Schlägereien auf dem Schulhof, oder vor und nach der Schule. Dass dies heute schlimmer sein soll als früher mag sein. Doch dazu kann ich mich nicht äußern, obwohl ich eine Reihe von Theorien über die Gründe habe, die auch des öfteren schon von Psychologen und Wissenschaftlern genannt wurden. Trotzdem ist es doch sehr erstaunlich, dass die Amokläufe an Schulen stattgefunden haben, die nicht über das Gewaltpotential ander Schulen verfügen. Eher im Gegenteil.

Ich hoffe und bete, dass nach diesem Amoklauf endlich mal an den richtigen Stellen gehandelt wird. Das endlich dort eingegriffen wird, wo es notwendig ist. Und damit meine ich nicht irgendwelche Verbote von Waffen, Computerspielen oder sonstigen Dingen, die sowieso schon verboten sind oder bestimmten, gesetzlichen Auflagen unterstellt sind.
Ich rede davon, dass jetzt endlich mal Geld in die Hand genommen wird und dafür gesorgt wird, dass es wieder Rückzugsgebiete gibt, in denen sich jemand zurückziehen kann. Wo er jemanden trifft, der sich seine Sorgen und Probleme anhört und ihm dabei hilft, sich damit auseinanderzusetzen. Das seine Scham nicht in Hass umschlägt.

Ja, liebe Politiker, das kostet Geld. Ja, das wird nicht billig. Solange sich die Situation an den Schulen noch weiter verschlechtert, solange keiner auf gequälte Seelen zugeht und ihnen hilft, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden, solange wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis dass sich die Bilder wiederholen werden.


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Züchten wir Monster?
Oct 12 2009 08:14:44
Autor: Martin Hügel
E-Mail: martin-huegel@arcor.de
Homepage: -n/a-
Kommentar: Kein Kommentar, es ist so. Der Artikel ließt sich wie eine Zusammenfassung der einschlägigen Fachliteratur in der Gewaltforschung, Pädagogik und Medienpädagogik. Gruß an die Politiker: Schulsozialarbeit, an alle Schulen, nicht nur Hauptschulen.
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