Erneuter Frontalzusammenstoß PDF Drucken E-Mail
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SchwachPerfekt 
  
Freitag, den 24. August 2007 um 13:10 Uhr

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In Leipzig findet derzeit die größte Videospielmesse in Europa statt, und wie jedes Jahr erzeugt diese Games Convention in den Medien ein zweigeteiltes Echo: Während sich in den Nachrichten Magazinen zum einen vor allem Berichte zur aktuellen Marktlage in der Videospielbranche finden lassen, welche dieses Jahr durchweg den Trend zur Bewegung (Playstation Eye, Wii Fit etc.) und die weitere Bedienung der Casual Gamer Zielgruppe aufzeigen, lassen es sich andere Magazine natürlich nicht nehmen, im Umfeld der Games Convention erneut auf die Gefährlichkeit von digitaler Unterhaltung aufmerksam zu machen.

So wird das Thema Gewalt in Videospielen beim Vorreiter der einseitigen Meinungsbildung, namentlich das ZDF Magazin Frontal 21, mal wieder größer geschrieben als auf den Fluren der Leipziger Messe. Schade, dass beim ZDF kein Wert darauf gelegt wird, auch einmal die positiven Trends des Videospieles aufzuzeigen. Trotzdem, es ist gut, dass man dort die Diskussion über Gewalt in Computerspielen weiterführt. Verherrend ist dagegen die Art und Weise, wie dies geschieht.

Der neuste Bericht (Töten am Bildschirm, vom 21.08.2007) widmet sich diesmal den Studien, welche die Auswirkungen von Computergewaltspielen beobachtet haben. Die wissenschaftlichen Studien, welche die positiven Effekte von Videospielen aufzeigen, werden dagegen vom Frontal 21 Bericht verurteilt. Laut Frontal 21 (und das wird schon im Teaser zum Bericht deutlich) ist das natürlich alles Unsinn.

[…]Wußten Sie, dass das stundenlange und tägliche Computerspielen das Sehvermögen verbessern soll? Das wollen britische Forscher herausgefunden haben. Die Zahl der Studien zu Computerspielen ist so unübersehbar, wie der herausgefundene Unsinn. Wes Geld ich nehm, des Spiel ich spiel. Es geht schließlich um einen Markt in dem Milliarden verdient werden. Da ist zwei Experten, drei Meinungen ganz hilfreich. Aber ganz so unentschieden, wie gerne behauptet, ist die Erkenntnislage nicht. Jüngere und vor allem sehr umfassende Studien besagen, dass mit zunehmendem Konsum von Gewaltspielen auch zunehmend aus virtueller wirkliche Gewalt wird.[…]

Böser Bube der Wissenschaft ist laut Frontal 21 beispielsweise die Fachhochschule Köln, die als Geldsklave der Videospielindustrie verurteilt wird, weil dort gerne einmal entlastende Ergebnisse bei der Beobachtung von Videospielen gefunden werden. Natürlich nur, weil sie von der Videospieleindustrie finanziell unterstützt wird. So lautet die Meinung des Frontal 21 Magazins und deren geladene Experten, die man schon aus früheren Berichten kennt, für welche das ZDF Magazin zu Recht heftig kritisiert wurde.

Was folgt sind Bilder aus Videospielen für Erwachsene und aus im Deutschen Handel gar nicht erhältlichen Videospielen, die (wie Herr Pöhlmann schon richtig angemerkt hat) zur Sendezeit des Frontal 21 Berichts gar nicht über den TV Bildschirm flackern dürften. Eine eindrucksvolle Demonstration der redaktionellen Leistung des ZDF und ein Beweis, dass auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine reißerische Inszenierung wichtiger ist, als Jugenschutz und Aufklärungsarbeit. Wie weit man einem Nachrichtenmagazin Glauben schenken darf, welches selbst den Jugendschutz missachtet, damit die eigene Sendung durch dramatische Bilder bereichnert wird, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Ich finde diese Form von “die Öffentlichkeit warnen” jedenfalls sehr bedenklich.

Im Gegensatz zu den, wie es unterstellt wird, gekauften Studien der FH Köln, ist man in der Frontal 21 Redaktion der Meinung, dass die kürzlich veröffentlichte Forschungsarbeit des kriminologischen Instituts Niedersachsens viel eher dem Kern der Wahrheit eintspricht. Dort haben Prof. Christian Pfeiffer und seine Mitarbeiter rund 19.000 Schüler befragt und laut Fortal 21 sind die Ergebnisse eindeutig.

[…]Je isolierter die Jugendlichen sind, je mehr sie eintauchen in diese Welt des Tötens, je mehr sie gefährdet sind durch andere Lebensaspekte, die sie nicht haben zur freien Entfaltung kommen lassen, um so wahrscheinlicher ist es, dass sie dann das, was sie aktiv am Computer tun, auch in die Tat umsetzen, dass sie andere drangsalieren, gewalttätig werden, bis zu ganz schlimmen Gewaltexzessen, sagt Prof. Christian Pfeiffer[…]

Aber, läßt sich aus dieser Erkenntnis das Gewaltvideospiel überhaupt als Verursacher der gewaltvollen Handlung ausmachen? Ja, diese Studie ist wirklich eindeutig, nur leider nicht in dem Sinne, wie es Frontal 21 durch geschickte Verpackung im Beitrag glauben läßt. Grundsätzlich läßt sich aus der Aussage Pfeiffers nämlich nur die Schlussfolgerung ziehen, dass aus der Isolation und der sozialen Verwahrlosung eines Individuums Gewaltbereitschaft wächst. Noch deutlicher wird dies durch die zweite erhobene Schlussfolgerung:

[…]Je brutaler die Spiele, desto verheerender die Wirkung. So treten unabhängig von der Mediennutzung 8,6 Prozent der Mädchen und 25,1 Prozent der Jungen als Gewalttäter in Erscheinung. Nutzen die Jugendlichen regelmäßig indizierte Spiele, schnellt die Zahl der Mädchen auf 24,5 Prozent und bei Jungen sogar bis auf 38 Prozent nach oben […]

Mag es zuerst den Anschein haben, als stiege durch den Konsum von Gewaltspielen die Gewaltbereitschaft, läßt sich auch hier wieder nur ableiten, dass Gewalttäter gewaltvolle Videospiele bevorzugen- nicht anders als jene Tatsache, dass Mädchen die Pferde mögen, gerne Ponyhof Simulationen spielen. Auch der anschließenden Erklärung von Prof. Pfeiffer gelingt es eigentlich nicht wirklich den Zusammenhang richtig zu erklären:

[…]In Verbindung mit anderen Belastungsfaktoren - prügelndes Elternhaus, mobbende Mitschüler, dass man Außenseiter wird, dass man nicht selbstbewusst mitten im Leben steht - bedeuten Computerspiele das Aufzeigen einer Handlungsalternative, die einem sonst gar nicht in den Sinn käme. Man wird durch das aktive Spielen ein Stück näher gerückt an selber Gewalt aktiv Einsetzen.[…]

Ist es nicht fraglich, ob einem Jugendlichen, der im Elternhaus regelmäßig verprügelt wird, Gewalt als Handlungsalternative erst durch ein Videospiel in den Sinn kommt? Nein, das ist in keinster Weise fraglich, das ist schlichter Unsinn. Wer in einem gewaltvollen Umfeld aufwächst, der wird auch selbst eher zu gewaltvollem Handeln neigen, ja, aber Videospiele sind auch dort sicher nicht die erste Einstrittskarte in diese Welt. Gewaltspiele sind nicht Verursacher sondern Symptom gewaltbereiten Handelns.

Auch eine weitere Studie wird herbeigezogen, und wieder einmal legt Frontal 21 deren Erkenntnis zur Gunsten einseitiger Meinungsmache aus:

[…]Je mehr in der mittleren Kindheit Horror- und Gewaltfilme konsumiert werden und je mehr Gewaltspiele zu Beginn des Jugendalters gespielt werden, desto größer ist die Schülergewalt und Delinquenz mit 14 Jahren.[…]

Warum verliert das Nachrichtenmagazin kein Wort darüber, dass das Problem hier vor allem in der fehlenden Kontrolle der Erziehungsberechtigten liegt? Wie gelangen diese Kinder im Jugendalter überhaupt in den Besitz dieser Spiele, welche ihnen doch gesetzlich verboten ist? Anscheinend ist man in der Frontal 21 Redaktion auch der Meinung, dass man, wenn ein Kind sich außerhalb der elterlichen Kontrolle an einer Herdplatte verbrennt, die Herdplatte zur Verantwortung gezogen werden muss.

Der weitere Bericht verliert sich dann in der Anklage der Fachhochschule Köln. Verständlich, es passt nicht in das Beitragskonzept, dass Videospiele auch positive Auswirkungen haben, und da es auch nicht in das Konzept vieler Forscher passt, finden sich natürlich Stimmen, welche die FH Köln verurteilen und deren Glaubwürdigkeit bezweifeln.

Viel wichtiger in diesem Zusammenhang ist aber die Frage, wieso sich der Frontal 21 Beitrag so einseitig präsentiert. Welchen Nutzen hat diese Art der Berichterstattung überhaupt? Eltern werden sicher, nicht zuletzt, da die verbotenen Bilder zu Anfang der Aufzeichnung so geschickt platziert wurden, vor dem Thema Videospiele zurückschrecken. Frontal 21 bietet natürlich auch keine helfende Hand im rechten Umgang mit dem Thema. Tragisch. Eigentlich müßte man von einem Nachrichtenmagazin wenigstens erwarten können, dass es nicht nur “horrorfiziert”, sondern dann auch Wege zum Umgang anbietet. Aufklärungsarbeit findet woanders statt, bei Frontal 21 reicht einem die einseitige Propaganda.

Gewaltspiele machen nur einen geringen Teil der Videospielkultur aus. Sie sind Teil der Landschaft und der richtige Umgang mit diesem Zweig des Mediums ist wichtig, aber wer sich in der Anprangerung verliert, der arbeitet kontraproduktiv. Mir fehlten im Frontal 21 Bericht die Bilder von Kindern aus Innenstätten, die froh sind, dass sie sich auf der Tanzmatte bewegen können, weil es in der Stadt an Grünanlagen mangelt. Wo waren die Berichte von behinderten Menschen, die in Onlinewelten ganz normal sein können? Warum verschweigt man bei Frontal 21, dass es Grundschüler gibt, die auch durch ein Pokemon Spiel lesen gelernt haben.

Und, was noch viel tragischer ist: Warum konstruiert man darüber hinaus einen Kuhhandel zwischen Hochschulen und Industrie, wenn jeder, der sich mit wachen Augen in der Videospielbranche bewegt, ableiten kann, dass auch die positiven Ergebnisse der Videospieluntersuchungen ganz sicher nicht auf Unterhaltszahlungen zurückgehen.

Sicherlich ist es für ein Magazin wie Frontal 21 wesentlich besser zu dramatisieren, Fakten unter den Tisch fallen zu lassen und Tatsachen so zu biegen, dass sie in das Bild passen. Dass man sich damit aber auf Bildzeitungsniveau bewegt ist traurig. In diesem Zusammenhang darf man auch noch einmal Prof. Pfeiffer zitieren:

[…]Sie haben ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt […] Von daher kann sie wissenschaftlich niemand ernst nehmen. Das Bedauerliche ist nur, daß Schulen und Eltern das ja nicht wissen […]

Der durchschnittliche ZDF und Frontal 21 Zuschauer weiß das aber wohl auch nicht…

Den vollständigen Frontal 21 Beitrag zum selbst ansehen gibt es beispielweise auf Youtube.

 


 Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.arkion.de. Autor Christian Kobben schreibt in seinem privaten Weblog regelmäßig Artikel zu den verschiedensten Aspekten der Videospielkultur.

 
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