| Verbot von Computerspielen: Was man wissen sollte |
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| Freitag, den 12. Juni 2009 um 14:01 Uhr | ||||
Verschiedene InteressengruppenZunächst einmal muss man bei den Gegnern von Computerspielverboten stark unterscheiden zwischen Kindern und Jugendlichen, die bereits Spiele konsumieren, die für ihre Altersgruppe nicht freigegeben sind; erwachsenen Spielern, die gerne Erwachsenenunterhaltung konsumieren und Wissenschaftlern, Pädagogen und IT-Fachleuten. Die Kinder und Jugendlichen, die sich gegen ein solches Verbot wehren, haben einfach nur Angst davor, das ihnen ein Spielzeug weggenommen wird, auf das sie, aus unterschiedlichen Gründen, nur ungern verzichten möchten. Erwachsene Spieler wollen sich, zu Recht, nicht vorschreiben lassen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Sie pochen auf ihre Grundrechte, in denen festgehalten ist, dass jeder die Freiheit hat zu konsumieren was er möchte, sofern keine strafrechtlichen Inhalte gegeben sind. Wissenschaftler, Pädagogen und IT-Fachleute hingegen sehen die rechtlichen und ethischen Probleme in der Durchführung eines solchen Verbotes und wünschen sich lieber Maßnahmen, die nachhaltig sind und auch wirklichen Erfolg versprechen.Genauso differenziert müssen die Verbotsbefürworter betrachtet werden. Da sind zum einen die Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen. Diese verlassen sich auf die Aussagen der Verbotsbefürworter, dass ein solches Verbot ihre Kinder vor schädlichen Inhalten schützt. Sie sind aufgrund eines eingeschränkten technischen Wissens nicht in der Lage, die Korrektheit dieser Aussage zu überprüfen und folgen den für Laien oft schlüssigen Folgerungen der Spielegegner. Eine weitere Gruppe stellen die Politiker, die durch Gewalttaten, wie z.B. Amokläufen an Schulen, unter einem gewaltigen Handlungsdruck stehen. Es wird von ihnen erwartet, dass sie etwas tun, damit sich solche schrecklichen Taten nicht wiederholen. Vor allem bei anstehenden Wahlen versuchen dann viele Politiker, aus der Not heraus Lösungen anzubieten, die oftmals mehr Handlungsfähigkeit dokumentieren sollen statt wirklich etwas zu bewegen. Da ihnen die neuen Medien zum großen Teil sehr fremd und suspekt erscheinen, suchen sie dort nach Klärung der Schuldfrage und versäumen es leider immer wieder, sich von der sachlichen Richtigkeit ihrer Überlegung zu informieren. Auch Wissenschaftler geraten immer wieder in Versuchung, einfache Lösungen als die Besten auszugeben und stellen sich dabei auf die Seite der Verbotsbefürworter. Die Motive reichen dabei von dem Streben nach Öffentlichkeit bis hin zum Gewinn von Fördergeldern. Was sagt die Wissenschaft?Nachdem nun die Parteien bekannt sind, betrachten wir die Fakten. Es gibt unzählige mehr oder minder wissenschaftliche Studien zur Wirkungsweise von Computerspielen. Ein Teil der Studien liefert als Ergebnis das Computerspiele schädlich und deshalb zu verbieten sind, die anderen Studien "belegen" genau das Gegenteil. Wenn man aus diesen Studien diejenigen herausfiltert, die von keiner Intressengruppe in Auftrag gegeben wurden und darauf ausgelegt waren, ein gewünschtes Ergebnis zu liefern, dann bleibt unterm Strich nicht viel übrig. Die Zahl der unabhängigen Studien zur Wirkungsforschung von Computerspielen ist verschwindend gering und Langzeitstudien gibt es schon mal gar keine. Das hängt damit zusammen, dass Computerspiele noch ein recht junges Medium sind und die Wirkungsforschung sich noch nicht allzulang mit ihnen beschäftigen konnte. Daher laufen viele Langzeitstudien noch und erste fundierte Ergebnisse werden wohl noch eine Weile auf sich warten lassen.Als gesichert gelten lediglich bestimmte Teilaspekte. So gilt es mittlerweile als erwiesen, dass der normale Umgang mit Computerspielen durchaus positive Aspekte haben kann. Als normal wird das altergerechte und zeitlich eingeschränkte Spielen verstanden. Zudem nimmt man als gesichert an, dass der falsche Umgang mit Computerspielen sich negativ auswirken kann. Diese negativen Auswirkungen beziehen sich aber in erster Linie auf Abgrenzung und Vernachlässigung von sozialen Kontakten und schulischen Leistungen. Ein direkter Zusammenhang von visueller und realer Gewalt konnte dahingegen noch nicht nachgewiesen werden. Um diese Ergebnisse wird heftig gestritten und es ist sogar für manchen Experten schon schwierig, hier den Überblick zu behalten. Wie soll es da Politiker oder gar Eltern gelingen? Die Forschung kann uns derzeit noch nicht weiter helfen und deshalb wenden versuchen wir uns an einer eigenen Analyse: Eigener Versuch einer AnalyseVon den Verbotsbefürwortern wird gerne darauf hingewiesen, wie effektiv Verbote häufig wirken. Doch wenn man mal genauer auf die Zahlen schaut, so ist das Ergebnis recht ernüchternd. So ist Alkohol- und Tabakkonsum schon seit Jahren für Kinder und Jugendliche verboten. Und trotzdem zeigt sich, das vor allem der Alkohol gerade bei unter 14-jährigen sich einer steigenden Beliebtheit erfreut.Wenn es schon bei realen, potentiell schädlichen Konsumgütern nicht funktioniert, wie soll es dann bei virtuellen funktionieren? Weitgehend unbekannt ist die Tatsache, dass Computerspiele letztlich zum freien Zugang zur Verfügung stehen. "Frei" hier nicht im Sinne von "kostenlos", obwohl es auch hier verschiedene Angebote gibt. Gemeint ist der freiem Zugang, also die Verfügbarkeit dieser Medien. Ein Verbot bezieht sich immer nur auf Deutschland. Das heißt, die Herstellung und der Vertrieb in Deutschland wäre somit verboten. Der Rest der Welt ist aber an diese Verbote nicht gebunden. So werden weiterhin Spiele hergestellt und verkauft, die in Deutschland verboten wären und nach aktueller Gesetzeslage häufig schon sind. Sie werden also nicht in Deutschland angeboten. Und genau da kommt die größte (Denk)Hürde bei vielen Eltern und auch älteren Menschen zum Tragen. Sie verstehen die Welt immer noch in geographischen Grenzen (.de = Deutschland). Doch unsere Kinder haben diese Grenze schon längst überschritten. Sie denken in .com (kommerzielle Seiten im englischsprachigen Raum), .net (Netzbetreiber und -anbieter), .co.uk (England)-Grenzen. Wenn ein Kind die Eltern fragt, ob es sich ein Spiel bei Amazon bestellen darf, dann gehen die Eltern selbstverständlich von Amazon.de aus, das Kind bestellt aber bei Amazon.com oder Amazon.co.uk. Der Service ist der gleiche. Aussuchen, anklicken, liefern lassen. Die Lieferung dauert zwar etwas länger, aber sie kommt. Dazu gesellen sich eine ganze Reihe von ausländischen Anbietern, die sich gezielt auf den deutschen Markt konzentrieren und versuchen diese Nachfrage zu befriedigen, und alle diese Anbieter sind nicht an deutsche Gesetze gebunden. Doch es geht noch einfacher. Spiele brauchen keinen Datenträger mehr. Es reicht ein Klick und das gewünschte Spiel kommt vollständig über die Leitung. Diese Möglichkeit existiert sogar in einer legalen und einer illegalen Variante. Vor allem bei der illegalen Variante braucht das Kind noch nicht mal jemanden zu fragen. Und so landen Spiele, Filme und Musik auf dem heimischen Computer, der zum Teil außerhalb der Kontrolle der Eltern liegt und sich zum Teil ein gesichertes Dasein im Kinderzimmer erfreut. Neben dem Problem, dass das Kind an für sein Alter ungeeignete Medien kommt können bei beiden Varianten zudem rechtliche Schwierigkeiten auftauchen. Bei illegalen Angeboten (Stichwort "illegale Kopie") liegt das auf der Hand, aber auch bei vermeintlich legalen Angeboten kann es Probleme mit der Einfuhr geben. So dürfen bestimmte Waren oder Programme nicht nach Deutschland eingeführt werden, über manchen Anbieter gelingt das aber doch. Was bei diesen Ausführungen deutlich wird, ist, dass hier keinerlei Verbote greifen können. Die Kinder kommen an die Medien ohne Probleme heran. Voraussetzung hierfür sind natürlich Eltern, die aufgrund von fehlendem Wissen nicht in der Lage sind, die Aktionen ihrer Kinder am PC zu beobachten und zu begleiten. Internetsperren sinnvoll?"Aber dann kann man doch ganz einfach die Seiten sperren, wo diese Dinge angeboten werden. Dann kommen die Kinder da nicht mehr dran, und alles wird gut!"Genau diese Argumentation wird bei der Internetsperre von Kinderpornografischen Seiten verwendet, wobei die Sperre keinen Unterschied macht zwischen Kindern und Erwachsenen. Auch hier hört sich das alles sehr schön und logisch an. Tür zu, Riegel vor und gut ist! Aber weit gefehlt. Das Internet ist ein Verbund aus Millionen von Computern, die über unterschiedliche Leitungen miteinander verbunden sind. Man muss sich das wie ein riesiges Wasserleitungsnetz vorstellen. Wenn dieses Netz an einer Stelle ausfällt, dann leitet man das Wasser ganz einfach um die kaputte Stelle herum. Und genau das ist auch im Internet möglich. Wenn der Zugang zu bestimmten Seiten und Angeboten gesperrt ist (Tür zu, Riegel vor) dann nutzt man eben einen anderen Eingang und kann ohne weitere Einschränkungen so weiter machen wie bisher. Es gibt nicht die eine Stelle im Internet, wo man einfach zuschließen kann. Viele Eltern unterschätzen ihre Kinder in dieser Hinsicht. Gerade bei Jugendlichen ist hier ein umfangreiches Wissen vorhanden oder kann innerhalb von kürzester Zeit abgerufen werden. Machen wir uns nichts vor: Effektiver Jugendschutz beginnt im eigenen Heim. Was wäre denn, wenn wir ein solches Verbot hätten? Stellen wir uns einfach mal vor, es gäbe ein Verbot für bestimmte Computerspiele. Eltern wären dann doch davon überzeugt, dass ihre Kinder an diese Spiele nicht mehr herankommen und dass alles, was diese auf ihren Computern hätten, in Deutschland erlaubt ist. Der Staat hat es geregelt und die Eltern können sich entspannt zurücklehnen. Doch die Kinder sind trotzdem noch in der Lage, sich auf unterschiedlichen Wegen die Sachen zu besorgen, die sie wollen. Vor allem die Dinge mit dem Vermerk "Verboten" über seit jeher einen besonderen Reiz aus. Und während die Eltern sich bequem vor den Fernseher setzen, spielen die Kinder eifrig weiter die Spiele, vor denen die Eltern sie eigentlich ausgesperrt vermuteten. Das kann so nicht funktionieren. Aber was funktioniert denn dann? LösungsvorschlägeDie ehrliche Antwort: Es gibt keinen hunderprozentig wasserdichten Schutz.Aber es gibt die Möglichkeit, zumindest im einem akzeptablen Rahmen die Übersicht zu behalten. Doch dazu müssen Eltern sich bewegen. Sie müssen aufrüsten mit Wissen. Sie müssen verstehen, dass Computerspiele genauso wie alle anderen der sogenannten neuen Medien ein fester Bestandteil der modernen Jugendkultur sind. Man kommuniziert heute nun mal häufiger per SMS, E-Mail, Foren und Chats als per Telefon oder gar einem persönlichen Gespräch. Man trifft sich eher zu einer Runde Counter-Strike im Internet als zum Kartenspielen bei Freunden. Und solange das alles in einem normalen Rahmen stattfindet, ist das überhaupt nicht bedrohlich. Doch leider wird dieser normale Rahmen gerne überschritten. Da werden Computerspiele stundenlang am Stück gespielt, da beschränkt sich das Leben nur noch auf die Kommunikation via Internet. Eltern stehen oft hilflos daneben und fragen sich, was hab ich falsch gemacht und natürlich ist es immer das "böse" Computerspiel und das "böse" Internet und der "blöde" Computer. Wird dann versucht, dem einen Riegel vorzuschieben toben die Kinder und Jugendlichen. Ist doch auch logisch. Wer findet es schon toll, wenn einem etwas weggenommen wird? Also toben sie. Sie toben solange, bis dass die Eltern entnervt kapitulieren und ihnen das geben was sie wollen in dem Maße wie sie es vorher auch hatten. Da ist im Vorfeld schon etwas schief gelaufen und dadurch, dass sich nichts ändert, kann es auch nicht besser werden. Was wir vom vom Staat erwarten dürfen, ist kein Verbot von Computerspielen. Es ist eine Haftung der Eltern für den Medienkonsum ihrer Kinder. Nicht um die Eltern zu bestrafen. Sondern um die Eltern aufzurütteln, sich mit dem Medienkonsum ihrer Kinder aktiv auseinanderzusetzen. Sie sollen lernen hinzuschauen was ihre Kinder am Computer machen. Sie sollen sich mit Schutzmechanismen und -systemen beschäftigen und die Kontrolle über die Computer zurück erlangen. Aber der Staat muss in so einem Fall noch mehr tun. Er muss dafür sorgen, das Eltern die Hilfe bekommen, die sie benötigen. Man kann nicht verlangen das Eltern, die zuvor wenig oder überhaupt nichts mit den neuen Medien zu tun hatten, von heute auf morgen zu Experten werden. Deswegen muss hier aktiv vom Staat Hilfe angeboten werden und nicht passiv über ein paar verstreute Internetseiten. Aber auch die Hersteller und Publisher müssen aktiver werden. Durch Gespräche mit der Spieleindustrie wissen wir, das dort das Thema Jugendmedienschutz sehr ernst genommen wird. Doch fehlt hier leider der Mut und zum Teil vielleicht auch die Ideen, hier aktiver zu werden. Natürlich wird die Spielindustrie, wenn sie hier aktiver wäre, zu hören bekommen dass sie alles nur verharmlosen möchte, weil sie ja Geld verdienen will. Ja und? Was will denn ein Hersteller von alkoholischen Getränken? Auch wenn irgendwo verschämt der Schriftzug 'Don't Drink and Drive!' steht? Dabei gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, hier den Eltern zu helfen. Wenn beispielsweise ein William Shatner (bekannt aus "Raumschiff Enterprise" als Cpt. James T. Kirk) in einem Werbespot für das Onlinerollenspiel 'World of Warcraft' zu sehen ist, wieso kann nicht der selbe William Shatner in einem weiteren Spot auf die Elternfunktionen in diesem Spiel hinweisen? Klar, das kostet Geld. Aber es ist Geld welches gut angelegt ist. Das gleiche gilt für die Jugendschutzfunktionen bei aktuellen Spielekonsolen oder auch bei dem Betriebssystem Windows Vista. Hier zeigt Microsoft auf seiner Webseite wie es gehen könnte und verweist klar erkennbar auf den Elternbereich. Warum passiert das nicht öfter? Wenn Eltern mit dem entsprechenden Druck sich endlich daran begeben und die Medienkontrolle zuhause wieder übernehmen, wenn sie dabei von Staat und Herstellern unterstützt werden, dann ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Dass es nie perfekt sein wird, wurde weiter oben bereits erwähnt. Es wäre aber auf jeden Fall eine weitaus sinnvollere Lösung, als das zwar einfachere, aber ineffektive Verbot. Schöner wäre es natürlich, die Eltern würden ihre Rolle ohne gesetzlichen Druck annehmen und sich darum bemühen, ihre Aufgabe im Jugendmedienschutz zu übernehmen. Dass dann trotzdem immer noch Hilfe von Staat und Herstellern nötig ist, steht außer Frage. Aber den können die Eltern dann gemeinsam einfordern. Und schließlich sind GameParents.de e.V. und unsere Partner auch noch da. SchlußbemerkungDieser Artikel entstand nach einer sehr lebhaft geführten Diskussion im Forum der Zeitschrift Eltern. Dieser Artikel ist eine ausführliche Antwort auf verschiedene Punkte, die dort angesprochen wurden. Er ist durchaus als weiterer Beitrag zu dieser Diskussion zu verstehen und darf gerne weiter bei Eltern.de, bei uns im Forum oder über die Kommentarfunktion diskutiert werden.Lesenswertes:Die Historie der Computerspieldebatte auf Heise.de Hier finden Sie Studien, Gegenstudien, Forderungen, Gegenforderungen und alles, was für einen Überblick benötigt wird.
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