Gastbeitrag: Selbstversuch - Als Mädchen im Chat PDF Drucken E-Mail
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Sonntag, den 19. Oktober 2008 um 19:09 Uhr

Der Chatroom – harmlose Kommunikation oder gefährliches Pflaster?


Als Mutter zweier erwachsener Kinder (Tochter 19 und Sohn 22) und aus beruflichem Interesse setze ich mich schon einige Jahre mit den Gefahren des Internets für Kinder und Jugendliche auseinander. Meine Kinder bewegten sich schon früh im weltweiten Netz und besuchten natürlich auch diverse virtuelle Räume, chatteten mit Freunden und trafen Verabredungen mit ihnen.

Das taten sie schon seit sie 12, 13 Jahre alt waren, denn wir waren schon 1999 mit einer Flatrate ausgestattet und hatten unser Haus vernetzt. Sie konnten mit einem eigenem PC ins weltweite Datennetz eintauchen. Ich hatte mich natürlich über Gefahren für Jugendliche im Internet informiert und „schützte“ meine Kinder mit einer Filtersoftware, die über Schlüsselwörter, gefährdende Internetseiten sperrte. Diese einfache und preiswerte Software (www.kindersicherung.de) schaffte es ziemlich zuverlässig, ungeeignete Internetseiten zu filtern. Wenn Eltern bestimmte Internetseiten sperren wollen, ist das auch möglich. Allerdings setzt dies voraus, dass Eltern die Gefahren auch kennen.

Ich kannte sie nicht alle.

Dass meine Kinder sich in Chatrooms bewegten, wusste ich, hatte mich aber nicht intensiv damit beschäftigt. Chatrooms gehörten für mich zu den harmlosen Vergnügungen. Auch Kontrolle kam damals für mich nicht in Frage, denn ich war der Meinung, dass ich in die Privatsphäre meiner Kinder eindringen würde, wenn ich ihre Chataktivitäten überwachen würde, ähnlich als würde ich das Tagebuch eines Kindes lesen.

Erst als einige Jahre später, Berichte über sexuelle Belästigung von Kindern veröffentlicht wurden, wurde ich aufmerksam. Meine Kinder waren mittlerweile volljährig und auf Nachfrage bestätigte meine Tochter, auch sie habe diese Erfahrungen gemacht. Mittlerweile 18 Jahre alt, konnte sie mit diesen Erfahrungen souverän umgehen.

Ich war neugierig gemacht und startete einen Selbstversuch.

Im Frühjahr 2007 meldete ich mich als Lilli94 in einem Chatroom an. Unter der fachkundigen Anleitung meiner Tochter („Wenn du die Rechtschreibung beachtest und Komma setzt, nimmt dir niemand ab, dass du 12 Jahre alt bist.“) startete ich meinen ersten Auftritt in einem Chatroom für Teenies.

Recht schnell wurde ich von einem Jungen (?) angesprochen. Nach kurzem, harmlosen Geplänkel wurde ich gefragt, ob ich einen Freund hätte. Ich bejahte. Die nächste Frage ging dann weiter ins Detail. Ich wurde nach Sex-Erfahrungen befragt.

Ich blieb eine Antwort schuldig und verließ den Raum. Fassungslos starrte ich meine Tochter an, die ganz lapidar bemerkte, das wäre doch wohl noch harmlos gewesen, sie hätte schon ganz anderes erlebt.

Einen weiteren Versuch habe ich dann ausgedruckt. Auch hier dauerte es keine 5 Minuten, bis das Wort Sex geschrieben wurde.

Die Medienberichte hatten nicht übertrieben. Ich hatte die sexuelle Anmache innerhalb meiner ersten Minuten in einem Chatroom am eigenen Leib erlebt. Das reichte mir aus, weiter wollte ich gar nicht in die Materie eindringen.

Es gibt sicherlich geschütztere Bereiche, in denen Kinder und Jugendliche sich austauschen können. Es liegt an den Eltern, diese zu finden. Den Kindern die Möglichkeiten zu chatten ganz zu verwehren, ist nicht immer die beste Lösung. Besser ist es zu kontrollieren, mit wem die Kinder sich in einem Chatroom aufhalten, sie stark zu machen und auf solche Situationen vorzubereiten.

Teenagern gelingt es immer, sich der Kontrolle der Eltern zu entziehen, wenn sie es wollen. Ein absolutes Verbot, steigert nur das Verlangen. Und bei Freunden heimlich chatten, weil die Eltern es absolut verboten haben, verhindert auch, dass Kinder sich an ihre Eltern wenden und um Hilfe bitten, wenn sie mit Situationen überfordert sind.



Eltern müssen um die Gefahren wissen, um ihre Kinder schützen zu können. Das setzt voraus, dass sie sich für die Kinder, ihre Interessen und Aktivitäten interessieren. Ich fordere alle Eltern auf dies zu tun und weniger naiv an die Sache heranzutreten als ich vor 10 Jahren.


Kornelia Lehnen-Schaller

 


Frau Lehnen-Schaller ist Rektorin der Grundschule Büttenberg in Ennepetal.

 

Für den Inhalt der Gastbeiträge sind ausschließlich die Autoren verantwortlich.



 
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